Wegen Lafontaine und Gysi sind alle neidisch auf die Linkspartei. Ein Gespräch mit Diether Dehm
Interview: Peter Wolter

Diether Dehm ist Europapolitischer Sprecher der Fraktion Die Linke und Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand der Partei der Europäischen Linken (EL)


Der Linkspartei geht es im Moment gar nicht gut. In Berlin ist sie aus dem Senat geflogen, in Umfragen liegt sie bundesweit bei sieben Prozent, und jetzt ist sogar noch die Piratenpartei an ihr vorbeigezogen. Was muß geschehen, damit die Bundestagswahl in zwei Jahren nicht zum Fiasko wird?
Zum einen: Umfragen sind keine Wahlergebnisse. Zum anderen: Bis auf die spanische Izquierda Unida (Vereinigte Linke) hat es leider noch keine Mitgliedspartei der EL verstanden, die gigantische Umverteilung von unten nach oben, die als »Rettungsschirm« getarnt wird, zu ihrem großen Thema zu machen. Politiker, die das seltene Talent haben, komplizierte wirtschaftliche Zusammenhänge populär so zu formulieren, daß Bewegung entsteht, sind noch mehr gefordert als in der Vergangenheit.

Können Sie das konkreter fassen? Die mangelnde Resonanz der deutschen Linkspartei läßt sich wohl kaum auf ein Vermittlungsproblem reduzieren.
Meine Partei hat innerhalb der europäischen Linken bisher eine besondere Rolle gespielt. Obwohl es bei uns keine nennenswerte gesellschaftliche Bewegung gibt, kamen wir bei der vergangenen Bundestagswahl auf 11,6 Prozent. In Italien, Frankreich, Spanien und Portugal hingegen, wo die Menschen immer wieder in Massen auf die Straßen gehen, erreichten die jeweiligen kommunistischen Parteien nur zwei bis fünf Prozent.

Es ist wirklich so, daß der Umgang mit dem Zorn der Menschen über die Bankenrettung ein Vermittlungsproblem ist. Wir jedenfalls wollen diesen Zorn nicht verwildern lassen, wie es vor kurzem in Großbritannien geschehen ist. Er sollte sich nicht gegen kleine Läden, sondern gegen Banken und Konzerne richten, die auf demokratische Weise enteignet werden müssen. Schon gar nicht wollen wir den Zorn den Rechten überlassen. Wir müssen verhindern, daß er sich gegen Muslime und Minderheiten entlädt, was auf deutschem Boden eine ebenso lange wie schlechte Tradition hat. Nicht zuletzt deswegen sind in der Politik jetzt diejenigen Talente gefragt, die die Köpfe der Menschen gegen den grassierenden Rechtspopulismus imprägnieren können.

Und was heißt das für Ihre Partei?
Das heißt z.B., daß Menschen wie Sahra Wagenknecht und Gregor Gysi stärker in den Vordergrund rücken müssen. Oder Gesine Lötzsch, Klaus Ernst und Uli Maurer – sie sprechen Kopf und Herz an.

Ein Name fehlt in der Aufzählung, ein Name, der seit Tagen wieder in allen Zeitungen steht …
Oskar Lafontaine muß nach seiner Erkrankung selbst entscheiden, was er macht. Er ist keinesfalls zu alt, noch einmal eine wichtige Rolle in der Bundespolitik zu spielen. Den in Deutschland üblichen Jugendfetischismus halte ich ohnehin für neoliberales Denken.

»Die Linke fürchtet Lafontaine« – heißt der Aufmacher in der Berliner Zeitung vom Mittwoch. Trifft das zu?
Es ist wohl eher so, daß BND-Organe wie der Spiegel Angst vor Lafontaine haben. Dessen Redakteure bekommen rote Bäckchen, wenn sie Linke jagen dürfen. Mit seiner unglaublichen Gabe, in kurzen Sätzen komplizierte Zusammenhänge plausibel und populär darzustellen, würde Lafontaine denen das Handwerk erschweren. Sogar Gerhard Schröder sah sich in seinem letzten Buch gezwungen, Lafontaine das größte politische Talent im Land zu nennen.

Müßte nicht die gesamte Partei bei dem Stichwort »­Lafontaine« jubeln? Unter seiner Führung bekam sie 76 Mandate im Bundestag.
Mir steckt immer noch die Wahlniederlage 2002 in den Knochen mit dem schrecklichen Großplakat. Darauf vier Spitzenkandidaten! Die alle aneinander vorbeischauten: Gabi Zimmer, Petra Pau, Roland Claus und Dietmar Bartsch. Niemand aus dem Westen. Und dann die tolle Ankündigung, Gerhard Schröder zum Kanzler zu wählen. Seit der Fusion mit der WASG und Genossen wie Maurer, Ernst und Lafontaine wurden wir endlich zur erfolgreichen Partei mit dem Charme des gelebten Antikapitalismus.

Eine Partei, angriffslustig auf die Ackermänner, personifiziert sich nicht in Leuten, die Mäßigung und Mittelmaß verkörpern. Die gibt es in den anderen Parteien zuhauf. Lafontaine und Gysi sind jedenfalls Persönlichkeiten, um die uns alle anderen Bundestagsfraktionen und auch viele linke Parteien in anderen europäischen Ländern beneiden.