Es mag gute Gründe für einen Rücktritt des Bundespräsidenten geben und einige Moral dafür, diesen zu fordern. Dennoch verströmt auch diese jagdförmige Zusammenrottung aus Bildzeitung, Focus und Spiegel einerseits die amoralische Anmaßung, Medien fungierten anstelle von Parlament und Strafgericht, andererseits auch den Pulverdampf eines Ablenkungsmanövers. Ein ganzer Kontinent wird gegenwärtig in Billionenhöhe in Haftung genommen. Die verursachenden Großspekulanten, Deutsche Bank, GoldmanSachs und drei Ratingagenturen machen weiter ungehemmt gigantische Profite, wofür europäische Steuerzahler und Rentner an Leben gekürzt bekommen. Und dann, in immer kürzer werdenden Intervallen, muss in solchen Krisenzeiten dem 'betrogenen Volkszorn' ein neuer blutiger Skalp hochgehalten werden, an welchem er sich abreagieren soll.


Als ob so ein Ministerpräsident erpresst und erpressbar wird. Als ob parteipolitische Liebedienerei für die Finanzdiktatoren so zustande - und aus der Welt käme. Als ob Riester-Spekulant Maschmeyer nicht vor der randständigen Annonce für Wulffs Buch bereits den Wahlkampf des Spekulations-Enthemmers Schröder gesponsert hätte? Als ob die Privatisierung der Renten für Spekulationsfonds nicht von denselben Konzernmedien mit einem gigantischen Propagandafeldzug betrieben worden sei, die jetzt Wulff treiben? Es ist im Hallali auf Wulff so still um die Ackermänner geworden, dass man ihr Kichern ins Fäustchen eigentlich hören müsste.

Rücktritt als ritualisiertes Krisenventil bringt die Finanzwelt so wenig in Ordnung wie der Trost für Christian Wulff, solcherlei Vorteilnahme käme ja in den besten Familien vor. Aber das ist es, was BILD&SPIEGEL unterschlagen, weil es sie mit Christian Wulff verbindet: die besten Familien. Das ist gewinnend, das hat gewonnen. Das prägt Anschauungen da oben, liefert Weltbilder - nebst manchem, was schamlos ist und selbstverständlich erscheint.

Wahrscheinlich wird der Weihnachtsansprache noch kein neuer Ton gelingen. Wendung in dieser Sackgasse wäre nämlich mehr Abwendung von den "besten Familien". Wäre Hinwendung in Herz und Verstand zu den Langzeitarbeitslosen, ohne deren aktives Zutun die Demokratie diese Krise nicht überleben wird; zu den Rentnern und alleinerziehenden Müttern, die schwerere Wochen erleben, als Wulffs letzte beiden. Aber auch, wenn kein anderer ins Schloss Bellevue einziehen sollte, ist nicht ganz auszuschließen, dass da jetzt ein anderer wohnt.