2012-11-27 dd stade tagblattLiedermacher und Hitlieferant Diether Dehm tritt im allerkleinsten Kreis auf und begeistert mit Brecht und eigenen Liedern

Wilfried Stief STADE. Stell Dir vor, einer der ganz großen Liedermacher und Hitschreiber Deutschlands kommt nach Stade ... und keiner geht hin. So ist es am Wochenende in Stade geschehen. Diether Dehm lieferte im kleinen "Coffeehus" am Sande ein mitreißendes Konzert ab - vor einer Handvoll Zuhörern und einem Dutzend Aktiven der " Linken", deren Wahlkampfauftakt die Veranstaltung war.
"1000 Mal berührt - 1000 Mal ist nichts passiert", ist ein Lied aus der Feder von Diether Dehm, das er für Klaus Lage schrieb. Ein weiterer Hit: "Was wollen wir trinken, sieben Tage lang", das die Bots gesungen haben. Für den Schimanski-Spielfilm schrieb Dehm "Faust auf Faust" und die amerikanische Variante für Joe Cocker. Zu seinen Lied-Abnehmern zählen auch Udo Lindenberg, Heinz Rudolf Kunze und Geier Sturzflug - unter anderem.
Das alles weiß ein Normalsterblicher gar nicht, denn ein Star wird nur, wer in der ersten Reihe steht. Auch die Linken selbst, die im kleinen Coffeehus zum Auftakt der Landtagswahl bliesen, mussten erstmal nach Diether Dehm googeln, wie Kandidat Holger Dankers freimütig bekannte. Dehm war ihnen eher bekannt, weil er als Linken-Abgeordneter aus Niedersachsen im Bundestag sitzt.
So trat also auf kleinstem Raum ein Mann auf, der mit seinem Können locker die Seminarturnhalle gefüllt hätte. Aber, so Dankers, "wir sind ja sowieso nicht die Partei für Massenveranstaltungen".
Diether Dehm eröffnete den Abend - hervorragend begleitet am Klavier von Michael Letz - mit vier Liedern von Brecht. "Ein Pferd klagt an", hieß das erste, das von der Konjunkturanfälligkeit der menschlichen Güte handelt, so der Interpret. Zu Brecht passend prangerte er die Macht der großen Konzerne an, die mit einem Fingerschnippen Tausende vernichten können und forderte die demokratische Abschaffung des Kapitalismus.
Querbeet und unterhaltsam ging es durch den Abend. Weihnachtslieder textete er zu "Morgen, Banker, wird's was geben" um und sprach von Spekulatius gegen Spekulanten. Schließlich finde der Landtagswahlkampf in der Vorweihnachtszeit statt.
Dehm genoss dabei sichtlich die persönliche Atmosphäre. Einem Jungen strich er im Vorübergehen über den Kopf, später winkte er noch zwei zusätzliche Gäste herein, die durch die Scheiben der Eingangstür lugten und zur Pause hin bat Dehm, der auch mittelstandspolitischer Sprecher der Linken ist, sich ordentlich was zu trinken zu bestellen, um den Mittelstand zu stärken. Er selbst stand die ganze Zeit in Tresennähe, wo er einen Beatles-Song aus einem dicken umgeknickten Songbuch vorsang.
Da Diether Dehm vor Jahren auch Texte für die Serie "Hurra Deutschland" - die mit den Politiker-Gummipuppen - geschrieben hat, gab es witzige Blüm- und Kohl-Parodien zu hören. Und Dehm sang in Heinz Schenk-Manier das Lied vom "Kaugummipapiersche", das die Umwelt mehr beeinträchtigt als alle Chemiekonzerne zusammen. Das war natürlich satirisch gemeint.
Mit einem von Zuhörern gewünschten "Bella Ciao" als Zugabe ließ ein gut gelaunter Dehm den Abend ausklingen. Er entließ eine begeisterte Schar von Zuhörern, die den Abend als fein, aber klein in bester Erinnerung behalten dürften.


Drei Fragen an: Dieter Dehm
Der Urhass des Musikers und Politikers auf die Banken

In welcher Beziehung stehen Ihre künstlerische Arbeit als Komponist und Texter und die Arbeit als Politiker zueinander?
Dehm: Mein Urhass auf die Macht der Banken treibt mich seit meinem 15. Lebensjahr an. Die Banken haben Hitlers Aufstieg finanziert und sie können auch heute noch Menschen und Staaten kurzerhand in den Ruin treiben. Meine ersten Lieder gingen auch in diese Richtung. In den 80er Jahren wurden meine Lieder bei Veranstaltungen der Grünen – zum Beispiel auf Parteitagen – gespielt. Das würde ich nicht mehr erlauben, seitdem klar ist, dass die Grünen für Krieg stimmen. Heute bietet die Musik mir eine Art Ausgleich für die kleinteilige politische Arbeit im Bundestag in Berlin.

Was ist für Sie das wichtigste politische Thema derzeit?
Dehm: Die Euro-Krise mit ihren kriminellen Großspekulanten. Wir müssen der Deutschen Bank das Handwerk legen, die braucht kein Mensch. Krisenländer brauchen Direktkredite, ohne den Umweg über die Banken. So sind die Kredite günstiger und finanzierbar. Außerdem muss der Mittelstand gestärkt werden, das ist ein erklärtes Ziel der Politik der „Linken“.

Welches sind Ihre Lieblingslieder?
Dehm: Das Lied „Finden Sie Mable“ von Heinz Rudolf Kunze, einem Freund – er hat übrigens Christian Wulff im Wahlkampf unterstützt – von mir, finde ich sehr schön. Außerdem gibt es ein Lied von Bruce Springsteen, das er gegen die Banker gemacht hat. Von meinen Liedern mag ich „Halt aus“ sehr gern. Es ist auf meiner neuen Rock-CD „Große Liebe.reloaded“ zu hören.

Quelle: tageblatt.de; 26.11.2012