Offener Brief des Bundestagsabgeordneten Dr. Diether Dehm, DIE LINKE, an den Oberbürgermeister von Hannover, Stefan Schostok

Lieber Stefan,
Du wirst formal sicher wissen, wie Du einen Einspruch gegen den Beschluss des Bezirksrats Linden-Limmer vom 10.Mai 2017 einen Platz nach dem 1994 getöteten Jugendlichen Halim Dener zu benennen, prüfst und gegebenenfalls erhebst. Meine Bitte an Dich ist, davon abzusehen.

 

fuer ein gedenken an halim dener

 

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Du nicht auch, wie die beantragenden Kommunalpolitiker vor Ort, das unsagbare Leid der Eltern des Jungen in Deine politische Gesamtbewertung mit einbeziehst. Sie, die Freundinnen und Freunde des Getöteten, die weltweit verfolgten Kurdinnen und Kurden, die auch mit den Eltern in Hannover fühlen, würden sicher mehr Lebensmut und auch neues Zutrauen in einen demokratischen Rechtsstaat gewinnen, wenn die Benennung des Platzes gelänge. Und auch den hier wohnenden Erdoğan-Anfängern würde Gewaltenteilung demonstriert.

 

Zu was ich Dich aber bitten möchte, ist viel mehr als Duldung: wir sollten in der Friedensstadt Hannover die schändliche Logik durchbrechen, mit der die Bundesregierung sich zum Gehilfen der Erdoğan-Regierung macht, in dem sie die PKK auf der Terrorliste belässt, hingegen saudi-arabische Kapital-Handelnde, die mit dem IS verbandelt sind, hierzulande hofiert. Und wer Solidarität mit den verfolgten Kurden (die ja durchaus in einem Zusammenhang mit jenen mutigen Frauen und Männern stehen, die in hochzivilisierten Projekt Rojava und auch in der Türkei Christinnen, Jesiden und viele Anders-Denkende mit ihrem Leben verteidigen) verlangt ja deswegen nicht Identifikation. Identifizieren ist eine andere Hirn-Bewegung, als Solidarisieren. Denn viele Bewegungen, die ein gerechtes Anliegen haben, werden gelegentlich in terroristische Einzelreaktionen gedrängt. Das ist bedauerlich und sicher oft falsch. Aber ebenso falsch wäre es, das Anliegen dann in den Gesamtzusammenhang von Terrorismus zu drücken. Sonst hätten Du und ich gemeinsam als Jungsozialisten und Marxisten in der SPD uns nicht mit dem ANC (der auch nicht dauerhaft und nur aus dem friedliebenden Nelson Mandela bestand), mit der bolivianischen Guerilla und deren Symbolfigur Che Guevara, mit den Sandinisten, und davor mit dem Vietcong und vielen anderen solidarisiert, die für den CIA ebenso Terroristen waren, wie die PKK heute für den BND und für andere westliche Geheimdienste.

 

In diesem Sinne, Humanismus und Differenziertheit gegen den Mainstream der Kapitalbesessenen zu stemmen, was Du in vielen Zeiten Deines Lebens ja mutig getan hast und was ich mich oft mit Dir gemeinsam bemüht habe, appelliere ich an Dich, in der ganzen Widersprüchlichkeit der tragischen Geschichte der Kurdinnen und Kurden der Benennung des Platzes, wie vom Bezirksrat beschlossen, nicht nur nicht zu widersprechen, sondern ihn zu unterstützen und die öffentliche Umbenennung mit Deiner Anwesenheit die gerechte Sache der Kurdinnen und Kurden und die des demokratischen Rechtsstaats zu ermutigen.

 

Es grüßt Dich in Respekt
Dein früherer SPD-Genosse und Freund
Diether Dehm