Diether Dehm ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Fulda in den Fächern:

  • Kulturmanagement
  • Kreativschreiben

Kreatives Schreiben
(Einführung und Hinweise)
I
Was ist kreatives Schreiben, was darf sich eigentlich so nennen? ? Ist Schreiben nicht eo ipso schon eine Kreation, eine Schöpfung und wäre eine schöpferische Schöpfung nicht eine Art weisser Schimmel?
Sie werden schon bei dem Wort Findung aufspüren, daß dem nicht so ist. Es gibt den Findling: er war da, aber er musste erst gefunden werden, um betitelt zu werden. Es gibt die Erfindung. Und: ist sie ganz aus dem Leeren geschöpft? Das Rad wurde erfunden, aber der Baumstamm war vorher schon rund und der runde Stein musste, um seine Schlüpfrigkeit in Wind und Wasser unter Beweis zu stellen, nur als solcher bemerkt werden. Das Gefundene ist also selten ein Erfundenes.
„Ich habe das Wort vergessen,“ sagt Shakespeare und der legendäre russische Sprachforscher LS Wygotski – für die Sprachgourmets unter Ihnen: der populäre US-Bestsellerautor und Nervenarzt Oliver Sax basiert viele seiner Theoreme auf ihm, zitiert diesen Shakespeare-Satz besonders häufig: „Ich habe das Wort vergessen, und körperlos taumelt der Gedanke zurück ins Prunkgemach der Schatten.“
Der Gedanke ist da, der Eindruck bereits geschaffen, das Wort passt sich nun diesem Impuls, dem Eindruck, der aus der realen Aussenwelt kommt, an, verkörpert ihn, formt ihn, bleibt aber abhängig von ihm. Um es zuzuspitzen: Sprechen ist nicht phonetisiertes Denken! Sprechen bedeutet einen qualitativ höheren Reifegrad des Gedachten. Bei der wortsuche reift der Gedanke. Bei der Satzsuche, reift die Wortsuche. Beim Handeln differenziert sich das Sprechen aus. Das Handeln, das dem Gesprochenen entstammt, das Gesprochene das dem Gedachten reifen hilft, das Gedachte, das sich auf Sprache zubewegt haben unterschiedlich hohe Reifegrade. Aber alle hängen korrespondierend mit der Welt ausserhalb unseres Kopfes zusammen, der Eindücke sind mehr oder weniger realistisch, besser gesagt: immer weniger unrealistisch, abbilden.

II.
Das Schreiben nimmt auf dieser Reifeskala einen recht hohen Platz ein. Bestenfalls das organisierte Handeln Vieler in einem sozialen Chor und die darauf basierende Einzelstimme, sind noch höher entwickelt, bedürfen noch mehr „Menschwerdung“. Aber dazu werden wir vielleicht später noch einmal kommen: die Dialektik von gelerntem Orchester – ich meine dies als Metapher – und virtuoser Einzelstimme als Dialektik aus Spitze und Breite zu bemerken.

III.
Sie werden gelegentlich schon gespürt haben, daß sich das Denken, das sich auf Sprache zubewegt, präziser anfühlt. Der gefühlte Realismus eines Menschen, der einen Gedanken behalten und aufschreiben oder ein Gespräch antizipierend simulieren will, und der so mit sich selbst spricht, ist höher, als der spontane Eindruck. Versuchen Sie es: Sie haben eine schöne Zeile, jetzt sprechen Sie sie laut aus. Sie wird sich ihnen handhabbarer, merkbarer und verbesserbarer darbieten. Versuchen Sie es vor dem Spiegel: es wird noch besser gelingen.
Und nun schreiben sie den Gedanken nieder: jetzt wird er ganz IHR Gegenstand, Sie können Worte umstellen und Färbungen dadurch ändern, Adjektive hinzufügen, um Wärme und Kälte der Substantive zu drosseln, Sie können ihn sich besser merken oder bald danach wegwerfen und vergessen. Sie werden Herr des Gedankens, wenn er geschrieben wird. Lernen Sie ihn auswendig, dann wird die öffentliche Vorführung souveräner. Aber auch so herum: Führen sie ihn öffentlich vor, wird Ihnen das Ausweniglernen später viel leichter gelingen.
Sie wollen eine Rede halten und es kommt sehr auf den Erfolg an: ich empfehle Ihnen über den berühmten Spickzettel weit hinaus zu gehen. Das kostet Mühe, macht Sie aber zum Herren Ihrer Gedanken und womöglich dadurch eines Publikums, das Ihren Gedanken „formarm“ bislang nur „im Prunkgemach der Schatten“ spürte, ahnte und jetzt wissen lernt. Wenn Sie nicht um bloße rethorische Effekte ringen, sondern um möglichst hohe Annäherung an die Wirklichkeit, also wahrhaftig sind, (wobei der Menschenkopf niemals die Realität eins zu eins abbildet oder widerspiegelt, sondern nur den Grad der Abweichung in seiner Hirn-Abblidung verringern kann!), so ist eine Macht über Publikum geboren, eine Liebe, die dem Redner zuströmt, welche nicht parasitär, sondern durchaus sozial genannt werden darf. Ein Unterschied, auf den wir auch später noch einmal zu sprechen kommen wollen. Das Bedauerliche ist, daß ich Ihnen Fertigkeiten beibringen werde, die Sie so oder so benutzen können; ich kann Ihnen nur den Bann meiner tiefen Verachtung androhen, sollten Sie nur die Effekte, aber nicht die Wahrhaftigkeit des kreativen Schreiben verwenden.

IV.
Schreiben Sie also zunächst eine Gliederung. Wollen Sie sich oder andere loben, beschreiben Sie zunächst die schlimme Ausgangsposition detailliert. Wollen Sie leidenschaftlich erscheinen, tun Sie so sachlich wie möglich, während Sie effiziente Metaphern und Attribute verwenden. Halten Sie sich zur Probe die Rede nüchtern. Jean Renoir, der Sohn des berühmten Malers und kaum weniger renommierte Filmregisseur, sagt, daß man dramatische Rollen erst in der Gleichtönigkeit eines Telefonbuchs halten soll. Erst dann lassen Sie die Emotionen einströmen, bei mehrfachem Lesen – aber Vorsicht! – in kleinen, homöopathischen Dosen!
Also zum Aufbau der Gliederung einer Rede, eines Aufsatzes, Artikels oder eines Liedes werden wir noch kommen.
Wenn Sie die Gliederung geschrieben haben, gleichsam die großen Überschriften, dann kommen die Stichworte, die Knorpel ins Skelett.
Und dann erst schreiben Sie die Rede. Und zwar ganz, vollständig, elaboriert=entfaltet. Nun halten Sie sie, am besten einmal vor dem Spiegel. Dann stoppen Sie sie mit der Stoppuhr. Schönen sie nicht! Wenn Sie fünf Minuten haben, sollten Sie der Pausen und des Beifalls willen, unter 4 Minuten 30 bleiben. Machen Sie Pausen. Pausen sind das zweit wichtigste beim Reden. Versuchen Sie es mit einem gelesenen Satz. Setzen Sie willkürlich irgendwo Pausen und die beiden Worte vor und nach dem Luftholen werden viel eindrücklicher. Aber das wichtigste beim Schreiben und Reden sind die Kürzungen. Ein großer Philosoph aus England entschuldigte sich bei der Geliebten, sein Liebesbrief sei zu lange geworden, er habe zu kurze Zeit dafür gehabt. Sie werden merken: wer kürzt, spitzt nicht nur seine Gedanken zu, sondern stärkt auch die Spannung der Zuhörer. Das Redigieren ist das wichtigste. Weshalb selbst Weltautoren ihren persönlichen Lektor haben, der die Muskel der kreativ-Fitness sehr spezifisch straffen hilft. Kürzen Sie also Ihre Rede. Gehen sie hart mit sich ins Gericht. Hübsche Sächelchen können große Schönheiten verblenden – weg damit! Das Wesentliche ist der Freund der Wahrhaftigkeit und erhöht die Trefferquote beim Publikum. Weil auch hier der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken soll, geht es um die immer sehr begrenzte Aufmerksamkeit des Publikums und nicht um Ihre Geberlaune, keinesfalls darum, was Sie schon immer einmal sagen oder schreiben wollten, und schon ganz überhaupt nicht, daß alles, wie Karl Kraus ulkte, zwar gesagt sei, aber leider noch nicht von jedem .......und nun seien Sie endlich dran, Ihrem Vorredner einmal gehörig recht zu geben.
Kürzen Sie sich unbarmherzig. Sonst wird es ein anderer tun, im Zweifel: der Endverbraucher! Gnädigenfalls der verhasste Redakteur. Und der wird nicht wissen, was Ihnen nun wahrhaftig am Herzen liegt.
Haben Sie die Rede leise gehalten, gekürzt, laut gehalten und gekürzt, in diesem redigierenden Stoffwechsel mit Ihrem Material, das Sie somit gleichsam neu beherrschen lernen, dürften Sie es verinnerlicht haben. Haben Sie die Rede also auswendig, mit Pausen, mit dem guten Gefühl der Sicherheit, mit Pointen – auch dazu, wie es in der Feuerzangenbowle heisst, „kommen wir später“ – dann nehmen Sie einen Signalstift oder Ihren Cursor, unterstreichen Sie die wichtigsten Merkposten, schreiben Sie erneut eine Stichworttabelle und stecken Sie die gesamte Rede gut gefaltet in Ihre Jacke. Nun kann Ihnen nix mehr geschehen, Sie trinken ein großes Glas Harald-Schmidt-Wasser – ein Glas Sekt oder Rotwein sind allenfalls etwas für Superprofis,  -  und Sie halten die Rede frei, mit dem Stichwortzettel und dem Gesicht dem Volke zugewandt. Wird der Hals eng und der Mund allzu trocken, haben sie immer zur Reserve Ihre Rede in der Jackentasche und finden die Stelle mittels der Markierung, wo Sie direkt einsteigen können.
Sie sehen also: das Scheiben hilft dem Reden, das Reden dem Schreiben beim Reifen und konzentrieren.

V.
Das bezog sich nun auf die Rede. Ähnlich auch als Architekt und Baumeister gehen Sie an Artikel, Liedertexte, Presseerklärungen, Drehbücher, Plots. Und das wollen wir gemeinsam lernen:
Bedenken sie also: kreativ kommt von kreieren, aber sie kreieren nie etwas neues und nur aus und für Ihren Kopf, sondern aus den Eindrücken, die die reale Welt bei Ihnen hinterlassen hat. Das Erfundene muss erst gefunden werden. Und auch, öfter als wir denken: aus der Hinterlassenschaft unserer Vorfahren. Keiner von uns spricht ohne Goethe und Luther, keiner aber auch die Bildzeitung und den Spiegel. Fürchten Sie darum die Klischees, die Sie nicht als Klischees erkennen. Sie lauern wie Wölfe, übrigens in Text und auch in Musik, an Ihrem Wegesrand. Wenn Sie sie als Klischees erkennen, benutzen, zitieren, verhöhnen oder dosiert einbauen, dann sind Sie nicht mehr reines Opfer Ihrer  Vorfahren und anderer Meinungsmacher. Befreiung ist Arbeit. Nur wer sich nicht vereinzelt, wird einzigartig, wer vieles lernt, hinhört, liest, erhebt sich zur Übersicht und zum Draufblick über das Viele und damit auch die leergekauten Klischees. Wir werden also auch in unserer Übung einiges zu lesen und zu lernen haben. Auf die Intuitionshummel, die um den Kopf kreist, haben schon zu viele vergebens gewartet.
Wir schöpfen aus der Realität. Aber, ob wir dies willkürlich tun, oder nur als manipuliert konsumierende Objekte, hängt vom Zugang und von der Menge der Realität ab. Wir werden Realisten, indem wir uns durch die Realität sprachlich hindurcharbeiten, zu ihr die Distanz des Gewusst- und Bewusstseins gewinnen, sie zu unserem Material machen. Sind wir kreativ, haben wir die Sprache mit ihren wissenschaftlichen Begriffen und Metaphern – sind wir Wiederkäuer, hat die Sprache uns. Aber alles beginnt mit der nüchternen Prämisse, daß wir – wenn wir aus unserem Kopf schöpfen – aus der Aussenwelt schöpfen.
Bertolt Brecht machte sich über den alten erkenntnistheoretischen Streit her: die buddhistischen  Mönche im Kloster am Gelben Fluss YangTse beschäftigten sich  mit der alten Idealismus-Frage der Menschheit, ob die Welt auch ausserhalb unserer Köpfe vorhanden sei, oder nur als Schöpfung aus unserer Seele, ob also der Gelbe Fluss nur in ihren Köpfen oder auch ausser ihnen und für sich vorhanden sei. Nach Monaten des Grübelns trat aber der YangTse über die Ufer und zwar mit solcher Gealt, daß er das Kloster mit samt allen Mönchen hinwegspülte und ertränkte. Und so, kommentierte Brecht, konnte also die alte Menschheitsfrage, ob der YangTse auch real und ausserhalb des Menschenkopfs vorhanden sei, nicht gelöst werden.

VI.
Wir werden uns am 12.April noch mit dem großen Altmeister des Brechttheaters, Prof. M. Wekwerth befassen, der mit Brecht auf den Plakaten als Regisseur des Galielei, Arturo Ui usw. steht und der hier mit mir dann auch ein Gespräch führen wird und zwar am 1.Februar zu aktuellen Fragen an das Brechtheater.
Immer in wirkungsvoller Schreibe-  ob in der FAZ, im Porno oder im dialektisch realistischen Theater – wird der Kommentar vom Dokumentierten getrennt. Wir werden dies auch beim Schreiben von Stücken oder Drehbüchern – und das gilt auch für Werbe-Skripts – noch durchkneten. Die klassische Tragödie – Shakespeare, Schiller, Goethe und Brecht haben das übernommen – kennt den 10-15köpfigen Chor als Kommentator häufig im Dialog mit dem Protagonisten –damals gab es nur einen Helden auf der Bühne bis Aychilos  Rivale, der große Sophokles, die Zahl der Schauspieler von zwei auf drei erhöhte, die als eigentliches Bühnengeschehen die Wirklichkeit spiegeln und spielen.
Woody allen hat die Rolle des Chors auf dem griechischen Theater wunderschön karikiert in seinem „Mighty Aphrodite“:

Chor in the off: Oh my God, its more than serious than we tthought.
Speaker in front: its very seroious. Her marriage with Lenny is in crisis.
Choir: withe the passage of time, even the strongest bonds get broken.
Speaker: great, fellows, that sounds like a fortune cookie.
Choir: Oh Zeus. Most important of gods! We nee#d your help. Zeus, great Zeus, hear us!
The voice of zeus can be heard:
Zeus-Voice: This is Zeus. Im not home right now. You can leave a message after the peep.
Chor: Call us when you get in. We need help!.

Was hier evident ist, wird im dramatischen Drehbuch subtil. Ich beschreibe eine Figur und ihren Charakter nicht mehr mit Attributen wie „humorvoll, spöttisch, heiter“, sondern ich packe das in den Subtext. Von Beaudelaire stammt der Satz „Das wahre Geheimnis liegt im Offensichtlichen“. Und der große sowjetische Theatermann Stanislaski, nach dem eine ganze Schauspielmethode benannt ist, sagt: „Es ist das nicht offen Ersichtliche, aber innerlich Spürbare, das beständig unter den Worten des Textes strömt.“
Einige von Ihnen haben den Film „Butch Cassidy and Sundance Kid“ gesehen. Wieviel wird in den kurzen Worten über eine charakteristische Facette von Butchs Leichtfüssigkeit, mit der er später „Raindrops“ singt, gesagt, als sie mit dem Fernrohr in der Steppe nach denen sie professionell verfolgenden Kopfgeldjägern spähen:

Butch: I think we lost them. Do you think we lost them?
Sundance: No
Butch: Neither do I.

Drehbücher fussen auf Dialogtechnik. Aber, nochmal mit Heinz Rühmann in der „Feuerzangenbowle“: „Dat krie`en ma speeder.
Am vergangenen Wochenende wollten wir in vier Arbeitsgruppen lernen:
1. Wir schrieben als Pressestelle
a) eine Presseeinladung zum Thema an die Fuldaer Zeitung:
b) einen Pressebericht über gestern Abend (Kierzeck, Nix, Maurenbrecher). Den Bericht konnte ich auch in der FZ unterbringen.
2. Wir schrieben Liedertexte um (hier waren ein paar eigene Erzeugnisse mitgebracht worden, die wir gemeinsam versuchten zu optimieren)
3. Wir schreiben einen Liebesbrief an Freundin oder Freund
An diesem Wochenende wollen wir entsprechend weitermachen. Es geht heute mehr um werbende Sprache. Jeder stellt sich ein Produkt vor, einen Star, ein Lokal, den er in der jüngeren zeit besonders schätzen gelernt hat und den käuflich zu erwerben er anderen nahelegen  möchte. Es darf gereimt sein, Prosa, ein Slogan plus Beschreibung o.ä. Es geht auch als Song etc.
Morgen wollen wir dies dann mit einer Idee bzw. einer ideellen Vereinigung, einem Club, einer Partei, Kirche, Gewerkschaft oder ähnlichem probieren.

29.01.2005 Fulda