Diether Dehms »Die Seilschaft«:
Eine Kriminal-Novelle, in der ein »knallroter Öko-Pfarrer« gejagt und gerettet wird


Von: Klaus Höpcke - 03.07.2006
http://www.jungewelt.de/2006/07-03/006.php

In einer kleinen Stadt in der Nähe Berlins kommt es zum Streit um das Vorhaben, eine neue Straße zu bauen. Der Zugang zu einem Prestige-Objekt von Westinvestoren – einem Golf-Hotel – soll erleichtert werden, obwohl die Ausbesserung einer vorhandenen Straße genügen würde. Handelte es sich bei Diether Dehms Kriminal-Novelle »Die Seilschaft« um ein Stück Dokumentarprosa, hätten wir, auf Genauigkeit erpicht, konkrete Wirklichkeitsbezüge zu prüfen. Indem er gelegentlich Personen, mit denen es die Helden und Antihelden seiner Geschichte zu tun bekommen, bei ihren realen Namen nennt – zum Beispiel die Landtagsabgeordnete Stobrawa und den Tennisspieler Becker – und als Ort der Handlung Bad Saarow am Scharmützelsee angibt, verführt der Autor fast zu solchem Fakten-Authentizitätsvergleich. Doch reizvoller ist eine andere Authentizität: die der Wahrheit künstlerischer Fiktion, in die Ortsdetails collagenhaft eingewoben wurden.

Stasi-Jagd

Gleichermaßen Fakt und fiktiv: Es bildet sich eine Bürgerinitiative. Die sagt: Für die Menschen, für die Natur, für die Luft sei alles, was da zugunsten der Straße geschehen soll, »die reine Katastrophe«. Was Heimat war, werde ausradiert. In einer Mischung aus Entsetzen und Spott erzählt der Autor, wie nun die Clique der geheimen und der öffentlich sichtbaren Staatsbeamten, der Blattmacher/Plattmacher und elektronischen Inquisitoren zurückschlägt. Der Leiter der Bürgerinitiative Dr. Gert Sulima ist ein aus Westdeutschland hierher gezogener Pfarrer. Von dem wird in der Gauck-(jetzt Birthler)Behörde eine Akte »gezogen«. Auf deren Grundlage wird er bezichtigt, ein »Inoffizieller Mitarbeiter« des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR gewesen zu sein und westdeutsche kirchliche Gruppen bei Reisen in die DDR bespitzelt zu haben; eine sogenannte »Verpflichtungserklärung« liegt allerdings nicht vor. Einblick in die Akte erhielte er erst, sagt ihm sein Anwalt aufgrund von Erfahrungen, wenn »die Medien deine Stasi-Fratze so gezeichnet haben, daß die mit dir nix mehr zu tun hat«. »Zugeben« soll er, was er nicht gemacht hat. »Namen, Namen, Namen« sollen er oder seine Bürgerinitiative-Mitstreiterin Nadja Bulani, die sich um seine Ehrenrettung bemüht, liefern. Als Nachrichtenmagazin-Journalisten figurieren in Dehms Text mit Heribert Swann und Michail Giesmeier zwei Typen, die mit den »Gaucklern« gemeinsame Sache machen. Was 2006 über Bespitzelung von Journalisten durch den BND und in dessen Auftrag tätige Journalistenkollegen erörtert wird, dem gibt der Autor mit diesen Figuren vorweg eine umfassendere Wesenskontur: die des inhumanen Pseudojournalismus. Unaufhörlich Menschen jagen, an den Printpranger stellen und Psychoqualen am Bildschirm aussetzen – das ist das Geschäft der Akteure dieses »Journalismus«, das ist ihre Welt, ihre Pressefreiheit. (Im Leben außerhalb des Buches hat Dehm am eigenen Leib erfahren, wie dieses Treiben den Betroffenen zusetzen kann. Erst als SPD-Politiker sowie erneut und verstärkt, nachdem er Mitglied der PDS geworden war, traktierte man auch ihn mit MfS-Verdächtigungen.)

Gegenwehr

In ihrer Suche nach Helfern für Gegenwehr läßt Dehm Nadja in Berührung mit Leuten kommen, für die viele heutzutage die Bezeichnung »Seilschaft« benutzen; sie auch. Verglichen mit Connections, von denen bisher die Rede war, klingt »Seilschaft« wie ein Kosewort. Ein so bezeichneter Trupp – läßt der nicht an Menschen denken, die einen Berg erklettern? Von denen nimmt man an: Mutig dürfte jeder einzelne von ihnen sein und zuversichtlich in ihrem Vertrauen auf ihren Zusammenhalt. – Zu schön, um wahr zu sein? Jedenfalls die, auf die Nadja bei ihrer Suche nach Hilfe trifft, scheinen aus weniger sympathischen Hölzern geschnitzt. Bedient der Autor in diesen Szenen Klischees? Sind die Bilder stimmig, die er von verschlossenen, starrsinnigen, übervorsichtig tastenden Alten zeichnet? Daß Nadja einen beschämenden Fall von Feigheit erleben muß, gehört zur Brisanz der in der Novelle erzählten Geschichte. Nicht mal zu der Erklärung, daß Gert Sulima nichts davon wußte, was über Gespräche mit ihm aufgezeichnet worden war, können diese Gesprächspartner sich aufraffen. Das führt dazu, daß Nadja dem Heribert Swann zeitweilig ihr Ohr öffnet, als der ihr die einstigen MfS-Mitarbeiter als »aufgelöst in viele kleine Seilschaften« schildert, von denen jede ihr eigenes Spiel betreibe.

BND-Journalisten

Gegenläufig wirken in dieser Situation Telefongespräche, die sie mit Sulima im fernen Polen führt, wohin der zeitweilig zu einem kirchlichen Freund gefahren ist, der ihm Schutz gewährt. Kritisch reflektiert sie darin das schwankende Verhalten von PDS-Vertretern »vor Ort« in dem aktuellen Umweltstreit und erbärmliche Entsolidarisierungen. Sulima holt bei der Gelegenheit zu Vergleichen aus: zwischen der Ulbricht-Generation, die noch Prinzipien hatte, und späteren Generationen von »saftlosen Eliteanwärtern«. Gewissenlosen Journalisten und ihren Auftraggebern sagt er nach, von ihnen werde Schnüffeln und Kreuzbrechen »auf Provisionsbasis« betrieben. »Der BND ist das öffentlich rechtliche Dach für Generalleutnant Giesmeier und Oberst Swann.«
Die beiden scheitern. Mit ihnen erleiden den Mißerfolg die anderen Betreiber der Kampagne gegen den »knallroten Öko-Pfarrer« und »Stasiknecht«. Sulima kehrt zurück. Die Verdächtigungen gegen ihn zerbröseln, das heißt: Sie werden zum Zerbröseln gebracht. Der Pranger geht zu Bruch – in diesem Fall. Die überflüssige Straße wird nicht gebaut. Wie es zu solchen Erstaunlichkeiten kommt, erzählt der Autor mit sichtlichem Spaß an seinem Einfall. Es gelingt ihm, zunehmende Spannung zu erzeugen. Das Leseinteresse steigert sich zum Lesevergnügen. Die Lösung aber verschweigt der Rezensent; er hat schließlich Rücksicht zu nehmen auf des Lesers Anspruch (und den der Leserin nicht minder), im Lesevergnügen die Seilschaftskrimi-Schlußpointe selbst im Original zu genießen.


* Diether Dehm: Die Seilschaft. Schkeuditzer Buchverlag, Schkeuditz 2005, 124 Seiten, 7 Euro, ISBN: 3-935530-35-8