Diether Dehms Roman Bella ciao über Partisanen am Lago Maggiore


Von: Peter Sodann

Renzo Rizzi ist verwöhnter, eitler Sprössling einer reichen Familie im italienischen Tessin. Bei den Mädels hat er es, einer Verwachsung wegen, nicht so leicht wie sein schöner Freund Attila. Die wilde Dienstmagd der Eltern wird zu Renzos Traum. Attilas Rat: »Kauf sie dir doch!« wird zum monatelang verklemmt vorbereiteten Schachzug. Liebevoll wird erzählt, wie Anna danach den Spieß umdreht, sein nobles Zimmer betritt mit einer Olive auf dem Teller, in der eine winzige Knoblauchzehe steckt, wie sie ihm zulacht: »Zweimal in der Woche frisst meine Familie das hier ... Weil man damit die Medizin spart... Also, Mund auf! Sonst gibt's nichts... Das ist die Zehe der Vermählung. Mein Geruch wird jetzt Dein Geruch.« An Anna wird Renzo auch noch hängen, wenn sie gemeinsam als Partisanen durch die Alpentäler um den Lago Maggiore ziehen, Attila Faschistenchef der Region geworden und die deutsche Herrschaft über Oberitalien fast zu Ende ist.

Namen und vieles andere hat Diether Dehm bewusst mit Namen aus Bertoluccis berühmtem Film »1900« und aus Pasolinis »120 Tagen von Sodom« nachgezeichnet. Aber die Figuren der SS betreten die Geschichte nicht bereits als gemachte Folterer: »Attila fand zu einem wohligen Gefühl von Großmut für sein Gegenüber* bot dem Partisanen einen Grappa an. Da sah er Bruno das Glas herunterschütten, hastig, gierig, ohne Dank. ...mit dem ersten Schlag seiner Faust traf er das Glas in Brunos gefesselten Händen, sprang auf, um allem Aufgestauten freie Bahn zu lassen ...«
Renzo, längst populärer Poet, quält seine Eitelkeit, privilegierte Herkunft und seinen behinderten Körper, will von den Partisanen angenommen werden. Sein proletarischer Freund Giuseppe ist da der ganz andere Held. Renzos intellektuelle Eigenwilligkeit und Giuseppes unmittelbare Körperlichkeit faszinieren Anna fortan wie zwei Gegenpole. .
Die britische Befehlszentrale im Schweizer Tessin verspricht den Partisanen den Bau eines militärischen Brückenkopfs gegen die Wehrmacht und massive Waffenlieferung aus der Luft. Vorausgesetzt, die Partisanen begeben sich aus den schützenden Alpenbergen und erobern das Ossola-Tal zum Bau eines eigenen Flughafens. Renzo, zunächst von der italienischen Widerstandszentrale CLN in die Region entsandt, dies Unternehmen zu befördern und eine eigene Partisanenrepublik nordwestlich des Lago Maggiore zu errichten, entwickelt allmählich Zweifel an dieser Strategie. Er wirft den Angloamerikanern vor, die Partisanen aufreiben zu wollen, um in einem später befreiten Italien weniger roten Einfluss fürchten zu müssen. Aber sowohl die Faschisten als auch ein großer Teil der Partisanen brennen darauf, die Kräfte in offenen Schlachten zu messen, anstatt sich mit Nadelstichen der Partisanentaktik aus den Bergen zu begnügen. Anna verhöhnt Renzo, der wegen seiner Warnungen nun von mehreren Seiten mit Rufmord und Intrigen überzogen wird. Da entsteht Renzos Fassung des Volkslieds »Bella ciao«. Mehr Liebes und Abschiedslied und weniger heldenhaft als die uns bisher bekannte deutsche Übersetzung:

»... kann nicht gut schießen/
und krieg schnell Angst auch/
Bella ciao.../
Soll ich ein Held sein?/
Dem das gefällt? Nein!/
Verfluchter Krieg, verfluchter Feind!...
Nur noch den Kuss hier/
kommt einer nach mir/
Bella ciao .../
dem wünsch' ich Zeiten/
wo man so eine/ wie Dich nicht mehr verlassen muss.«

Über den Aufstand am Lago Maggiore hat Diether Dehm gedichtet und jahrelang recherchiert. Konstantin Wecker fragt im Umschlagtext, warum die Linke so wenig Abenteuerromane habe und sagt dann: »Dies hier ist ein Abenteuerroman - und ein linker!« Und ich kann dies ergänzen: Zwei Bücher in einem Buch zu lesen, ist schon eine Leistung. Ich habe anschließend feststellen müssen, nachdem ich mit den vielen Bildern ins Reine gekommen war: Du hast ja drei Bücher gelesen! Einen Abenteuerroman, einen Liebesroman, einen politischen Roman in einem außerordentlichen Geschichtsbuch. Mir hat das Buch gefallen. Es waren fast vierhundert Seiten, immerhin. Aber nur, wer den hohen Berg erklommen hat, sieht auch das schöne Tal.